Was macht man an einem Sonntagvormittag im ICE von Thüringen nach Bayern: nur eines, nämlich lesen und später schreiben. Gelesen habe ich gerade einiges in der Zeitschrift zu Ökonomie, Philosophie und Leben, der agora 42. Es ging um das Thema „Nachhaltigkeit – zwischen Zauberformel und Selbstbetrug“, und hier möchte ich kurz zwei Gedanken vorstellen und vielleicht das ein oder andere hinzufügen.
Zum Begriff „Nachhaltigkeit“ selbst schreibt der Wissenschaftstheoretiker Peter Finke, dass er heute nicht nur inflationär gebraucht wird, sondern auch taktisch zum Verschleiern wahrer Absichten eingesetzt wird. Doch ist der Gebrauch des ursprünglichen Fachbegriffes der Forstwirtschaft als rhetorische Waffe nicht ungefährlich, sondern verleitet nach Meinung des Autoren zu allerlei Irrglauben. So führe das Merkel’sche Diktum vom „nachhaltigen Wachstum“ beispielsweise dazu, dass gemeinhin angenommen wird, ökonomisches Wachstum und die Beibehaltung der sozialen und ökologischen Grundlagen seien miteinander vereinbar – in einer Welt mit einer fest begrenzten Menge von Ressourcen sei dies in sich unlogisch. Ein Gedanke, oder vielmehr eine Frage meinerseits wäre hier, ob das System Erde wirklich so geschlossen ist wie hier angenommen wird, oder ob es nicht Ressourcen gibt, die in das System von außen eindringen – wie zum Beispiel das Sonnenlicht – oder sehr lange (in Zeiträumen, in denen es den Menschen nicht mehr gibt; wobei das vom Erdöl auch einmal gedacht wurde) nicht erschöpfen werden, wie beispielsweise die Erdwärme. Hier gäbe es also theoretisch zumindest die langfristige Möglichkeit des Wachstums, auch wenn wir kurzfristig erst einmal auf ein gesundes Maß schrumpfen sollten (übrigens hat ja auch die Erde mal als Steinwüste mit Lavaströmen angefangen…).
Ein zweiter Artikel in der Zeitschrift geht unter dem Titel „Nachhaltigkeit – too big to work“ auf die Praktik der ständigen Ausweitung der Konsumentenverantwortung bezüglich fairem und ökologischem Konsum ein. Diese „Privatisierung der Nachhaltigkeit“ folge aus der Unfähigkeit des Staates und des Wirtschaftssystem sich selbst zu verändern und sei momentan der „rettende Strohhalm“ an den sich die Welthoffnung klammert. Allerdings erinnert den Autor Armin Grunwald das private Handeln der Büger_innen oft an eine Ersatzreligion, in der es nicht nur feste Gesetze gibt sondern selbst eine Art von Ablasshandel (bspw. CO2-Zertifikate für Flugreisen) zugelassen ist. Er ruft schlussendlich dazu auf und trifft hier auf einen Punkt, den ich stark unterstütze, das Thema der nachhaltigen oder zukunftsfähigen Lebensweise wieder heraus aus den Wohnzimmern und auf die öffentlichen Plätze unserer Gesellschaft zu holen – in die Polis, denn das Thema ist durch und durch ein politisches.
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Ein weiterer oft gehörter Kritikpunkt am Begriff der Nachhaltigkeit ist seine tendenziell passive Konnotation, wenn man ihn zuendedenkt: Wir stellen nur einen Naturzustand wieder her, dessen Misere wir selbst verzapft haben. Schließlich ist alles im perfekten harmonischen Gleichgewicht und läuft in vollkommen harmonischen Zirkeln seinen Gang (siehe Cradle2Cradle). Bis dahin stilisieren wir 'Nachhaltigkeit' zur angesprochenen Hypostasierung der Erlösung. Die Transformation des erst platonischen, dann christlichen und schließlich aufgeklärt "nachhaltigen" Kreislaufdenkens im Hinblick auf die Erlösung findet sich hier in sublimierter Form wieder. Wenn man sich die Wissenschaftshistorie ansieht und die postmoderne Pluralität des Wissens auf den Nachhaltigkeitsbegriff anwendet, wird seine ideologische Komponente umso deutlicher: Warum denken wir das Anzustrebende nicht als etwas, dass dem menschlichen Kreations - und Spielbedürfnis mehr Rechnung trägt? Es geht nicht darum, nur den christlichen oder ökologischen Sündenfall auszubügeln, sondern darum die eigene Rolle als "bewusste Evolution" anzuerkennen und die damit gegebenen Privilegien als auch Verantwortungen produktiv zu nutzen. Selbst in der Forstwissenschaft regt sich inzwischen Kritk am Kreislaufdenken, wie mir ein Forstwissenschaftler der Uni Bayreuth erzählte: Katastrophen und unvorhergesehene Faktoren (auch anthropogen!) lassen die Kreise zum eiern bringen. Mein vorläufiger Arbeitsvorschlag daher: Denken wir vormals " kreisende Nachhaltigkeit" erst mal als eine von und mit uns sich bewegende, stark eiernde Spirale! Nachhaltige Grüße, Alex
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