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Im Netz sind nicht alle gleich

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Der Aufstieg der Piraten erfolgt – wenn auch diesen Sonntag etwas gedämpft – rasant und mit ihm der Ruf nach mehr basisdemokratischer Partizipation. Das Internet als Plattform zur Verwirklichung des perfekten, hierarchielosen Diskurses ist eine der Visionen, die hinter ihrem Erfolg stehen. Es besteht jedoch die Gefahr, dass hier nach der Realisierung eines nicht zu verwirklichenden Traums gestrebt wird, mit potenziell ungesunden Folgen. Es gibt, etwas grob unterschieden, zwei Arten von Argumenten, die gegen die Existenz des perfekten Dialogs im Internet sprechen: einerseits solche, die sich am Status quo der Internetnutzung festmachen und andererseits Einwände, die sich auf die technischen Eigenschaften stützen.

Die ersten bestehen in den inzwischen viel diskutieren „gaps“ im Internet. Es gibt unter anderen die Gendergap, die Altersgap und die Klassengap. Wahrscheinlich auch die Kulturgap, die Kindergap und Tiergap.. Frauen benutzen das Internet anders als Männer, ältere Menschen surfen deutlich weniger als junge und sicherlich sind auch Unterschiede bezüglich Einkommens- und Bildungsstatus zu beobachten. Wenn man das Internet allerdings als einen der analogen Öffentlichkeit parallelen Raum ansieht, so kann man argumentieren, dass es auch im analogen öffentlichen Raum unterschiedliche Verhaltens- und Benutzungsmuster gibt. Hinsichtlich der Politik muss nun versucht werden, allen Bügerinnen einen gleichberechtigten und an ihre Fähigkeiten angepassten Zugang zum Prozess der Entscheidungsfindung zu gewähren. Genauso wenig, wie man heute erwarten darf, dass jede Stimmbürgerin ein 30-seitiges Essay zur Begründung ihres Kreuzchens abliefert, kann man erwarten, dass ab jetzt sofort nur noch übers Internet abgestimmt wird. Viele der digitalen Gräben, so die Hoffnung, werden sich jedoch in den nächsten Jahrzenten „auswachsen“ – wenn denn bei den Programmierern der digitalen Öffentlichkeit eine Sensibilität bezüglich der unterschiedlichen Nutzungsweisen und Bedürfnisse vorhanden ist.

Hiermit wären wir bei den technischen Eigenschaften des Netzes angekommen. Hier sehe ich das eigentliche Problem: es gibt im Internet eine Art „Meta-Macht“ die bei denjenigen liegt, die die digitale Öffentlichkeit durch ihre Codes gestalten – den Programmiererinnen und Betreibern der digitalen Infrastruktur.  So wenig wie wir annehmen können, dass Facebook und Google wertfrei funktionieren oder gar demokratische Ziele verfolgen (sie mögen demokratische Nebeneffekte produzieren, doch prinzipiell wollen sie Geld verdienen), können wir annehmen, dass Programmierinnen, die beispielsweise die Wikipedia aufgebaut haben oder diejenigen, die sie mit Inhalt füllen, alle persönlichen Interessen über Bord geworfen haben. Aber halt, was ist denn mit der Schwarmintelligenz? Besonders beim Programmieren halte ich sie für nicht ausreichend, einfach deshalb, weil nur programmierende Fische Teil des Schwarms sind – die Fische jedoch, die schon an einfachen Wordpressseiten Nächte verbringen, sind ausgeschlossen.

Deshalb braucht es auch im Internet – und jetzt kommt das Hasswort – eine Art der unabhängigen Kontrolle, die einen auf gesellschaftlich akzeptierten und demokratisch legitimierten Werten basierten Aufbau des Netzes durchsetzt. So wie der analoge öffentliche Raum gemeinschaftlich gestaltet wurde, muss auch sein digitales Pendant legitimiert werden. Denn es ist keinesfalls so, dass das Netz einem Naturgesetz ähnlich, Politik vorschreiben könnte, wie Christopher Lauer (Fraktionsvorsitzender der Berliner Piraten) meint. Es handelt sich beim Internet schließlich nicht um ein Naturphänomen, sondern um ein von Menschen gestaltetes Instrument, in welchem entsprechend Werturteile eingebaut sind. Welche das sein sollen, sollten wir gemeinsam entscheiden und nicht einer programmierenden und finanzierenden Elite überlassen.

Hey Carl, interessante

Hey Carl,

interessante Gedanken. Deine Analyse: d'accord. Dein Schluss: gefährlich, finde ich.

Das tolle am Netz ist doch, dass richtig viele Gatekeeper wegfallen, die in der Analogwelt eine große Rolle spielen. Die Instanzen Verleger, Behörde, Plattenlabel, etc. fallen auf vielen Ebenen weg - wer heute etwas machen will, kann mit richtig wenig Mitteln richtig viel machen.

Die "Programmiererinnen und Betreiber der digitalen Infrastruktur" haben diese Tore geöffnet. Sie werden damit, das liegt in der Natur der Sache, selbst zu einer Art Gatekeeper.

Allerdings: Im Vergleich zur Institution Staat, der vor "Meta-Machthabern" nur so strotzt, scheint mir ein Schwarm (relativ heterogener und oft anonymer) Programmierer allemal die bessere Alternative. Das Netz ist der liberalste Gatekeeper, den es je gab. Wir sind auch dort nicht gleich, aber gleicher denn je.

Und ist es wirklich so, dass nur programmierende Fische (Zentralkomitee-artig) Einfluss auf die Netzgestaltung haben? Oder gibt es nicht auch eine vielfältige Debatte über Netzkultur, auf die auch Analog-Fische und Staats-Fische Einfluss haben? Und der sich selbst Internetriesen wie Google stellen müssen?

"Demokratisch legitimierte Kontrolle", also letzen Endes eine Ausweitung bisheriger Staatsintervention für ein gerechteres Netz (so verstehe ich deinen Vorschlag) halte ich für einen ohnmächtigen Versuch, die Dynamik des Netzes zu kontrollieren. Nicht nur weil der Staat ein viel größerer und von Meta-Machthabern koordinierter Gatekeeper ist, sondern auch weil das Netz per se die regionalen Grenzen sprengt, in denen analoge Volksvertretung heute stattfindet.

Also anders ausgedrückt:
Wäre, erstens, eine legitimierte "Kommission" gerechter als die momentan vorherrschende natürliche Ordnung im Netz? (die so völlig vogelfrei ja auch nicht ist, Rechtssprechung gilt schließlich auch für Netzkriminalität). Macht uns Intervention wirklich "gleicher"?

Und wäre, zweitens, eine solche Lösung angesichts der (dezentralen und anonymen) Natur des Netzes überhaupt ansatzweise machbar?

Ich bezweifle beides!

Schöne Grpße,
Valentin

Mein Punkt ar ja genau der,

Mein Punkt ar ja genau der, den du auch getroffen hast. Alte Gatekeeper werden durch neue ersetzt. Nun müssen wir den neuen genauso kritisch gegenüber stehen, wie wir es den alten seit je her tun. Nur weil es mehr sind oder andere, sind sie nicht perfekt.

Zusätzlich sieht man beispielsweise an Facebook, dem größten in der digitalen und analogen existierenden Marktplatz, dass die "großen Fische" doch ein recht eigenwilliges Verständnis vom öffentlichen Raum haben, welches mit Zensur, Datenfresserei und Machtverteilung an die best-vernetztesten einhergeht. Das ist in meinen Augen durchaus kritisch. Ich möchte natürlich nicht das Internet als solches verdammen, sondern lediglich darauf hinweisen, dass wir uns (neben einer Trennung zwischen Privat und Öffentlich, die so momentan nicht wirklich existiert - vielmehr besteht die Gefahr, das alles, was wir im Netz machen, jedenfalls vor den Augen unserer Tracker, öffentlich wird - dazu gabs auf der Re:Publica einen sehr guten Vortrag von Eben Moglen [Auszug]) Gedanken machen sollten, wie der öffentliche Teil des Internet aussehen sollte, um niemanden auszuschließen und niemandem die Macht über ihn zu geben, und auch, wer Zugang zu unserer Privatsphäre, dem was wir schreiben, denken und lesen, haben sollten. Nur weil ein solches Unterfangen momentan schwer machbar erscheint, heißt das nicht, dass wir uns von den aktuellen technischen Gegebenheiten des Netzes (die, weil sie technisch sind, veränderbar sind) die Regeln diktieren lassen - das Netz ist eben keine natürliche Gegebenheit, sondern eine gestaltbare.

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