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Sag alles ab!

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Kampfansage an die Zeitmaximierung

von Valentin Niebler

„Warum haben wir keine Zeit? Inwiefern wollen wir keine Zeit verlieren? Weil wir sie brauchen und verwenden wollen. Wofür? Für unsere alltäglichen Beschäftigungen, deren Sklaven wir längst geworden sind. [..] Am Ende ist dieses Keine-Zeit-haben eine größere Verlorenheit des Selbst als jene sich Zeit lassende Zeitverschwenden.“ (Martin Heidegger)

Wie viel passt eigentlich rein in ein Leben? Wie viele Orte müssen erkundet, Dinge besessen, Abenteuer erlebt werden? Wie viele „Lebensoptionen“ muss man auskosten, um ein erfülltes Leben zu leben? Eine zeitgemäße Antwort lautet: Je mehr, desto besser. Wer nichts „erlebt“, verpasst. Die Lebensläufe zeitgeistbewusster Jungmenschen strotzen nur so mit Aktivitäten. Ein Projekt hier, Reise da, Praktikum dort – die „Erlebnisrate“ steigt beständig. Wann immer Zeit ist, wird gemacht. Langeweile, Rumhängen? Ausgestorben, abgeknallt vom Puls der Zeit.

Der Philosoph Byung-Chul Han hat ein Buch zum Thema Zeit geschrieben. Unsere heutige Zeit, behauptet Han, dauert nicht mehr – sie stürzt fort: „Das Leben wird nicht mehr eingebettet in die Ordnungsgebilde oder Koordinaten, die eine Dauer stiften. Flüchtig sind auch Dinge, mit denen man sich identifiziert. So wird man selbst radikal vergänglich.“ Noch bis zur europäischen Aufklärung, erklärt Han, war Gott „Herr der Zeit“. Ein Menschenleben war absehbar, in eine göttliche Geschichte eingebunden. Mit Garantie auf Nachleben. Das ist heute lang vorbei. Im säkularen Jetzt „fängt man ständig neu an, zappt sich durch ‚Lebensmöglichkeiten‘, weil man nicht mehr vermag, die eine Möglichkeit abzuschließen. Keine Geschichte, keine sinngebende Ganzheit erfüllt das Leben.

Der neue Gott, das sind wir selbst. Wir müssen unser Leben füllen, denn wir haben nur dieses. Die Möglichkeiten sind überfordernd, da quasi unendlich. Und wenn schon nicht alles machen, dann wenigstens so viel wie möglich. Die Erlebnisrate maximieren. Als ob am Lebensende eine Punktzahl stünde, ein Ultimativ-Score, berechnet aus der Anzahl von Flugreisen, Facebook-Tags und Jahresgehältern. Ein Lebens-Ranking, sozusagen.

Ein überquellender Facebook-Feed ist aber nur Nebensymptom dieses Maximalismus-Diktats. Am auffälligsten zeigt sich der Steigerungswahn in der Arbeitswelt. Der Beruf entfernt sich von seiner klassischen Definition, der „9 bis 5“-Tätigkeit. Arbeit wird zur Identität. Der Journalist Peter Frase beschreibt diesen Wandel, der sogar das Ideal der Geldmaximierung in den Hintergrund rückt: "Work is now represented [..] as a source of personal identity and fulfillment. This ethic is exemplified by hip Silicon Valley firms like Apple, which reportedly told employees, in response to their wage demands, that ‘Money shouldn’t be an issue when you’re employed at Apple. Working at Apple should be viewed as an experience.’”

Wie Einladungen in einen Freizeitclub sehen Recruiting-Kampagnen von Unternehmensberatungen heute aus. Google-Zentralen gleichen Abenteuerspielplätzen, mit Kicker-Tischen und Playstation im Büro. Und doch passiert das Gegenteil: Die unschuldige, nutzlose Freizeit von früher ist weg, abgezapft. Sie wird degradiert zu einer Ressource, die Kreativität ankurbelt. Sie wird, getarnt als Spiel und Spaß, in den Arbeitsprozess eingebunden. Es verhält sich wie mit den Aufback-Brezeln, die als „backfrisch“ angeboten werden: Man spürt, da ist was faul. Es wäre nicht ständig die Rede von „frisch“, wenn die Brezen es sowieso wären. Derselbe Schwindel ist die Google-Playstation. Sie suggeriert Freizeit, wo keine ist.

Aber entspannt sich der moderne Mensch nicht im Urlaub? Auf Reisen und Sabbaticals? Klar tut er das. Jedoch nicht um einer echten Entspannung willen. Entspannt wird nur, um anschließend noch besser funktionieren zu können. Der Klosterbesuch des Managers gilt nicht der Erleuchtung, sondern dem Aufladen der Arbeitsbatterie.

Und so geht Platz für Dinge verloren, die sich nicht einfach so abhaken lassen. Schon mal versucht, „Sinn des Lebens“ auf so eine To-Do-Liste zu schreiben? Es klappt nicht. Manche Prozesse brauchen Dauer. Sie finden statt, wenn wir sie nicht planen. An einem Nachmittag im Park, oder einem nutzlosen Tag im Bett.

Also, was tun? Zurück zu Gott? Nicht unbedingt. Man könnte anfangen, mit ein paar Missverständnissen aufzuräumen. Ein großer Irrtum, so Han, ist der Drang die Anzahl von „Erlebtem“ aus Prinzip zu maximieren. „Das erfüllte Leben läßt sich nicht mengentheoretisch erklären. Eine lange Aufzählung von Ereignissen ergibt keine spannende Erzählung. Eine sehr kurze Erzählung kann dagegen eine hohe narrative Spannung entfalten. So kann auch ein sehr kurzes Leben das Ideal eines erfüllten Lebens erreichen.“ Man muss also nicht „zwei Leben in einem leben“. Man sollte, im Gegenteil, die persönliche Agenda-Schraube zurückdrehen. Und dann in Ruhe überlegen, was man eigentlich will vom Leben.

Byung-Chul Han: Duft der Zeit. Ein philosophischer Essay zur Kunst des Verweilens. Transcript Verlag

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